Alpintour – Mont Blanc – Teil 2

Besteigung des Mont Blanc über die Normalroute auf eine eher unkonventionelle Art. Teil 2 beschreibt den Weg vom Tête Rousse Camp auf den Gipfel.

Der Weg vom Camp zur Goûter-Hütte

Gegen ein Uhr stehen wir auf, um uns auf den Start um zwei Uhr vorzubereiten. Da es in den vergangenen Tagen Neuschnee gegeben hat, ist die Ausgangssituation für die Querung des Couloirs perfekt. Der Weg hoch zur Goûter-Hütte zeichnet sich bereits durch Stirnlampen am Berg ab und wir folgen dem Trott hin zum Grand Couloir. Durch den Schnee der letzten Tage sind die Steine, die normalerweise wie Bomben durch diese Rinne schießen, gefroren. Dementsprechend ist ein nächtlicher Aufstieg sogar von Vorteil. Der Weg durch die Felsen gleicht dem Weg durch ein Labyrinth und man verliert in der Dunkelheit jeglichen Sinn für die Zeit. In der Ferne sieht man in den höheren, exponierten Stellen der Passage die Lichter von Chamonix, die unserer Seilschaft Gesellschaft leisten. Gegen fünf Uhr erreichen wir die alte Goûter-Hütte und rasten für 10 Minuten. Meine Zehen sind wahnsinnig kalt, da ich meinen Schuh zu eng geschnürt habe.

Der Gipfel in Sicht?

Auf dem weiteren Weg zum Goûter-Sattel spürt man die Kälte der Nacht noch deutlicher. Im Morgengrauen kommt uns ein Abbrecher in Trailrunningschuhen mit leichten Steigeisen entgegen, der feststellen musste, dass es sich bei dieser Tour doch um etwas mehr als einen Spaziergang handelt. Wir trotten weiter durch die Eiswüste des Dôme du Goûter. Entkräftet erreichen wir das Refuge de Vallot. Hier pausieren wir länger und versuchen unsere restlichen Kräfte so gut es geht zu sammeln und uns an der Morgensonne zu wärmen. Mir ist an diesem Punkt kotzübel und ich würde am liebsten abbrechen. Die Tatsache, dass mein Seilpartner jedoch extra aus Kanada angereist ist und bereits einen abgebrochenen Gipfelversuch am Mont Blanc vorzuweisen hat, treibt mich zum Weitergehen an.

Blick über den Dôme du Goûter
Blick über den Dôme du Goûter

Wir reihen uns weiter in die Karawane zum Gipfel ein und gegen 10 Uhr kommen uns immer mehr erfolgreiche Seilschaften vom Gipfel entgegen. Wir stoppen mehrmals, halten kurz inne, und ich würge mir etwas Trailmix und Wasser hinunter. Die Erhabenheit des Gipfelgrats lässt uns die Anstrengung der letzten Meter vergessen. Am Gipfel angekommen erwartet uns ein überwältigender Blick. In der Ferne lässt sich sogar das Matterhorn erkennen. Die vorangeschrittene Tageszeit, es ist gegen 10 Uhr, zwingt uns jedoch zur Umkehr.

Zurück zum Camp

Gegen späten Mittag erreichen wir die Goûter-Hütte und rasten für mehrere Stunden, da wir das Grand Couloir erst am späten Abend queren wollen. Die vielen Nassschneelawinen während dieser Rast bestätigen unseren Plan. Auch sonst wird es während unseres Aufenthalts nicht langweilig. Die Vielfältigkeit der verschiedenen Gruppen ist beachtlich – vom kotzenden Supersportler im Spandexanzug bis hin zu Russen in kompletter Militärausrüstung ist alles dabei. Unseren Plan bis zum späten Nachmittag vor der Hütte zu rasten teilt auch eine polnische Gruppe, die ebenfalls den Gipfel von der Tête Rousse aus bezwungen hat.

Zeitgleich mit der polnischen Gruppe begeben wir uns zum Abstieg und immer wieder kreuzen sich unsere Wege beim Abstieg. Beim Grand Couloir helfen sie uns sogar das richtige Timing für die Querung zu finden, da trotz der späten Stunde Felsbrocken im Minutentakt herabfallen.

Die letzten Meter zum Zelt nach der Querung des Couloirs sind fantastisch. Auf dem Rückweg treffe ich zwei Dänen, die ich schon auf dem Campingplatz gesehen habe, wie sie ihre Steigeisen geschliffen haben. Wir klatschen kurz auf unseren Gipfelerfolg ab und ich erfahre, dass dies bereits ihr dritter Versuch ist und sie diesmal die Nacht hindurch laufen wollen. Ich wünsche ihnen alles Gute.

Am Zelt angekommen, bereite ich mir ein dehydriertes Mal mit Hühnchen und Kartoffelbrei zu. Ich habe es seit über einem Jahr für einen besonderen Moment aufbewahrt, da es das Abschiedsgeschenk eines iranischen Bergfreundes in Kanada war. Nun endlich kann ich das Wunder genießen, wie aus einem trockenen faserigen Stück „Holz“ ein Hühnerfilet wird.

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